Im Netz wird dir gerade verkauft: „Gib der KI eine Rolle, dann wird sie besser.“ Also sowas wie „Du bist ein Senior Admin“ oder „Du bist ein erfahrener Entwickler“. Ja, das kann helfen, weil es die Antwort in eine Richtung schiebt. Aber es ist auch eine fiese Falle, weil die KI dann nicht nur anders schreibt, sondern oft auch so tut, als wüsste sie es wirklich. Und da frage ich mich schon:
Haben die Autoren das wirklich in der Praxis getestet, oder klingt es nur gut auf dem Papier?
Und genau da kommen KI Halluzinationen ins Spiel. Das ist dieses Phänomen, wo die KI Details erfindet, die plausibel klingen, aber nicht stimmen. Nicht als offensichtlicher Quatsch, sondern als sauber formulierte „Expertenantwort“. Wenn du Pech hast, ist das keine Hilfe, sondern ein Umweg mit Vollgas.
Warum Rollenprompts so verführerisch sind
Eine Rolle wirkt wie ein Verstärker. Die KI wird strukturierter, mutiger, entschlossener. Als Leser denkst du: „Ok, der weiß, wovon er redet.“ Und genau das ist das Problem. Die Rolle erzeugt Autorität, auch dann, wenn die Faktenlage dünner ist als sie klingt.
Wenn du nur „Senior Entwickler“ schreibst, bekommt die KI keinen Zauberstab. Sie bekommt nur die Erlaubnis, so zu klingen. Und wenn Informationen fehlen, füllt sie Lücken. Das ist dann Halluzination, nur mit Krawatte – Die Rolle ist kein Zaubertrick.
Die sagenumwobenen Rollenprompts, oft bedenklich
Diese Rollenprompts werden gern als Geheimrezept gehandelt. In der Praxis sind sie häufig zu grob, zu groß, zu allgemein. Und sie führen zu genau dem Verhalten, das man bei Technik nicht will: selbstbewusstes Raten.
Typische Kandidaten, die bei mir Alarm auslösen:
- „Handle als erfahrener Frontend Entwickler. Erstelle Code unter Berücksichtigung der gegebenen Spezifikationen.“
- „Du bist ein Senior Admin, handle wie ein Profi.“
- „Tätige dich als IT Architekt. Plane die Einbindung einer Softwarelösung in ein bestehendes Netzwerk.“
Das klingt cool. Das liest sich gut. Aber es macht die KI nicht genauer, sondern oft nur überzeugender. Und überzeugend falsch ist schlimmer als offensichtlich unsicher.
Beispiele: so kippt ein Rollenprompt in Halluzinationen
Hier drei typische Situationen aus der Praxis. Nicht weil die KI „böse“ ist, sondern weil die Rolle sie dazu verleitet, Lücken mit Selbstbewusstsein zu füllen.
Beispiel 1: „Du bist ein Senior Admin“
Dein Prompt:
„Du bist ein Senior Admin. Sag mir, warum mein Rechner nach dem Update langsamer ist.“
Typische Halluzination:
Die KI behauptet: „Das liegt fast sicher am neuen Defender Feature X, schalte Option Y in der Registry um.“ Klingt nach Profi, ist aber oft geraten. Feature X existiert vielleicht nicht, Option Y heißt anders, oder die Ursache liegt ganz woanders.
Sicherer Prompt statt Show Rolle:
Du unterstützt mich als Windows Admin bei der Fehlersuche. Regeln: Du rätst nicht. Wenn Infos fehlen, stell zuerst bis zu 5 Rückfragen. Trenne Beobachtung, Annahme und Empfehlung. Zu jeder Empfehlung gibst du einen kurzen Test, um sie zu prüfen. Meine Symptome: [hier eintragen] Seit wann: [hier eintragen] Was wurde geändert: [hier eintragen]
Beispiel 2: „Erfahrener Frontend Entwickler, erstelle Code“
Dein Prompt:
„Handle als erfahrener Frontend Entwickler. Erstelle Code unter Berücksichtigung der gegebenen Spezifikationen.“
Typische Halluzination:
Die KI nimmt sich irgendein Framework, erfindet ein paar Paketnamen, setzt voraus, dass du Vite oder Webpack nutzt, und baut dir eine Komplettlösung. Sie liefert selbstbewusst eine API, die es so in deinem Projekt nicht gibt. Das läuft dann nicht, sieht aber toll aus.
Sicherer Prompt statt Blindflug:
Du bist Frontend Entwickler in genau diesem Umfeld: Stack: [Vanilla JS / React / Vue / WordPress Theme / WebView2] Build: [kein Build / Vite / Webpack] Browser: [Edge/Chrome aktuell] Regeln: Wenn dir Infos fehlen, stell zuerst bis zu 5 Rückfragen. Rate nicht. Erfinde keine APIs, keine Paketnamen, keine Konfigurationen. Gib nur die minimal nötige Änderung und nenne 3 kurze Tests. Aufgabe: [hier eintragen]
Beispiel 3: „IT Architekt, plane die Einbindung“
Dein Prompt:
„Tätige dich als IT Architekt. Plane die Einbindung einer Softwarelösung in ein bestehendes Netzwerk.“
Typische Halluzination:
Die KI baut dir ein hübsches Zielbild mit VLANs, Zero Trust, SSO, Reverse Proxy, DMZ, Zertifikaten. Alles klingt sauber. Aber sie kennt weder deine Nutzerzahl, noch deine Firewall, noch ob du überhaupt VLANs hast. Ergebnis: ein Architektur Märchen.
Sicherer Prompt für echte Planung:
Du unterstützt als Netzwerker bei einer Einbindung, aber du startest mit einer Bestandsaufnahme. Regeln: Du stellst zuerst Fragen und machst keine Annahmen. Trenne IST, Annahme, SOLL Vorschlag. Gib dann 2 Varianten: konservativ (wenig Änderung) und modern (mehr Änderung). Benötigte Infos: Nutzerzahl, Standorte, Internetanbindung, Firewall/Router, AD/Entra, VLAN ja/nein. Ausgangslage: [hier eintragen]
Mini Merksatz
Je größer die Rolle, desto größer die Gefahr, dass die KI Lücken mit „klingt nach Profi“ auffüllt. Kleine Rolle plus harte Regeln schlägt jede Heldenrolle.
Woran du Halluzinationen bei Rollenprompts erkennst
Ein paar Warnsignale, die ich über die Zeit gesammelt habe:
- Die KI nennt ganz konkrete Funktionen, Schalter oder Registry Pfade, obwohl du ihr keine Details gegeben hast.
- Sie ist sehr sicher, benutzt Worte wie „immer“, „garantiert“, „standardmäßig“, ohne Nachweis oder Test.
- Sie liefert sofort eine fertige Lösung, statt erst die Lage einzugrenzen.
- Sie mischt Best Practices aus verschiedenen Welten, und am Ende passt es nicht zu deinem Umfeld.
- Sie nennt Versionsnummern, Feature Namen oder Schalter, die du nirgends wiederfindest.
- Die Schritte sind nicht sauber prüfbar, keine Kontrolle nach dem Fix, keine Rückfallstrategie, wenn es schlechter wird.
Wenn du zwei oder drei Punkte davon siehst: kurz stoppen, einmal Luft holen, und dann auf Prüfbarkeit umschalten.
Rolle ja, aber nur mit Regeln
Eine Rolle darf da sein, aber sie muss klein und konkret sein. Vor allem braucht sie Regeln. Sonst ist es Theater, und Theater debuggt nicht. Die sichere Version ist: Rolle plus Arbeitsregeln. Also nicht „Sei Experte“, sondern „Arbeite wie ein vorsichtiger Prüfer“.
Du nimmst die Rolle eines erfahrenen Windows Admins ein, aber du rätst nicht. Wenn dir Details fehlen, stell erst bis zu 5 Rückfragen. Trenne strikt zwischen Beobachtung, Annahme und Empfehlung. Wenn du eine Empfehlung gibst, nenne immer einen kurzen Test, mit dem ich sie prüfen kann. Erfinde keine Funktionen, keine Registry Pfade, keine Versionsdetails.
Wenn es um Code geht: „Reviewer“ schlägt „Senior“
Bei Code ist die „Senior“ Rolle oft die schlechteste Idee, weil sie die KI in den Modus „ich liefere jetzt ab“ schaltet. Was du willst, ist ein Prüfer. Einer, der lieber einmal mehr „unbekannt“ sagt, statt dir Mist zu servieren.
Du bist ein vorsichtiger Code Reviewer. Erfinde keine Konstanten, keine API Deklarationen, keine Methoden, keine Properties. Wenn dir etwas fehlt, sag klar "unbekannt" und nenne, wie ich es im Projekt oder in der Doku prüfe. Gib nur kleine, risikoarme Änderungen und schreibe zu jeder Änderung kurz den Grund. Wenn du spekulierst, markiere es als Annahme.
Erst eingrenzen, dann lösen – Vom Lösungsdruck zum Denkrahmen.
Das echte Fazit aus der Praxis
Rollenprompts sind kein Schutz gegen Halluzinationen. Sie sind ein Verstärker. Im guten Fall verstärken sie Struktur. Im schlechten Fall verstärken sie Selbstsicherheit bei dünner Faktenlage. Wenn du Rollen nutzt, mach es klein, mach es prüfbar, und zwing die KI zum Nachfragen. Sonst bekommst du keine Hilfe, sondern eine gut klingende Geschichte.
Und ja: Wenn dir ein Rollenprompt als „die Lösung“ verkauft wird, denk dran. Das ist meistens Marketing. Problemlösungen sind kein Theaterstück.